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Die Hölle mit Kamelien geschmückt… Kamelien in der europäischen Literatur Sie kam aus dem sagenumwobenen China und Japan auf langen und gefahrvollen Wegen zu uns nach Europa. Schon damit war sie selten, wertvoll, exotisch und erhielt einen ganz anderen Mythos als in ihrer fernöstlichen Heimat. Hier zog sie in die Orangerien und Glashäuser des Adels ein, war Statussymbol, schmückte auf Bällen das Haar oder die Kleider der Schönen. Vor allem in Russland wurden ganze Ballsäle mit Kamelien geschmückt. Von der Literatur entdeckt, wurde wohl noch nie der Ruf einer Blume so durch die Hand der Dichter und Poeten geprägt. Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Kameliensucht ihrem Höhepunkt zustrebte, brachte Alexandre Dumas Fils seinen Roman und später das gleichnamige Schauspiel "Die Kameliendame" heraus. Kurz darauf folgte Giuseppe Verdis "La Traviata". L'Abbé Berlése veröffentlichte gerade seine ‚Iconographie du Genre Camellia', das prächtigste, je über Kamelien erschienene Werk und die Dresdner Firma T.J. Seidel hatte bald sagenhafte 1100 Sorten dieser Pflanzengattung im Sortiment. Die schöne Kurtisane Marguerite Gautier, im wirklichen Leben existent als Alphonsine Plessis, blieb in den Gedanken der Menschen so eng mit der Kamelie verbunden, dass sie ihre Eigenschaften auf die Blume übertrug. Sie wurde als schlank, mit schwarzem Haar, rosig-weißem Gesicht, lebhaften Emailaugen wie die Japanerinnen, kirschroten Lippen und wunderbar weißen Zähnen beschrieben. Weiß, rot, japanisch, dazu wunderschön, erotisch und geheimnisvoll, keine andere Blume als die Kamelie konnte zu ihr passen. Sie liebte die Kamelie auch, weil sie keinen Duft besaß. Schönheit ohne Duft, ein Symbol für die käufliche und auch unerfüllte Liebe. Letztere findet bei Grandville Erwähnung, als der Held Stenio seiner jungvermählten Frau, der schönen Gräfin Imperia, vorwirft: "Sie (die Kamelie d.R.) ist herrlich anzuschauen, aber ohne Geruch. Ihr Madam, seid reizend, doch fehlt der Duft, den wir Liebe nennen." Kurze Zeit darauf, fand man Stenio tot im Lido. Im Gegensatz zur Rose, der Blume des Lichtes, der Wärme und des Duftes, ist die Kamelie, die der Kühle und der Dunkelheit. Tatsächlich blüht sie ja genau dann, wenn es draußen winterlich kalt und die Nächte lang sind. Es ist die Zeit der großen Winterbälle und der durchtanzten Nächte. "Prachtvoll bist du zu schauen im Ballsaal, wenn du, in dunklem, lockig geringelten Haar, weiße Camelie, prangst. Vornehm bist du und stolz, und ein jeder, wenn er dich anschaut, muß dich bewundern…" So schilderte Johannes Trojan diese Blume. In Theodor Fontanes "Effi Briest" erhielt diese von Apotheker Gieshübler, ihrem feinsinnigen Verehrer, Kamelien aus seinem Treibhause. Ihr Kamelienbukett fand beim Kessiner Ressourcenball zu Silvester ausgiebige Bewunderung. Als Blume der Finsternis schmückt die Kamelie in Michael Bulgakows Roman "Der Meister und Margarita" die Hölle: Voland, auch der Messere genannt, bat die Heldin als seine Ballkönigin zum Frühlingsvollmondball. Dort lesen wir: "...im nächsten Saal gab es keine Säulen. Dafür bestanden die Wände auf der einen Seite aus roten, rosa und milchweißen Rosen und auf der anderen Seite aus japanischen gefüllten Kamelien. Dazwischen sprudelten zischend Fontänen. In drei Bassins schäumte Champagner." Gerade die Russen waren "kamelienverrückt". Die meisten in Dresden produzierten Pflanzen wurden ins Zarenreich exportiert. Literarische Beispiele finden wir u.a. bei Iwan Turgenjew, Anton Tschechow und Iwan Gontscharow. In seiner Erzählung "Rauch" schildert Turgenjew die im Etablissement "Conversation" in Baden-Baden zur Musik von "La Traviata" um die Spieltische versammelten Russen: "Und letzten Endes auch die sehr eifrigen, aber schüchternen Verehrer der Kamelien, weltmännische junge Dandys mit den prächtigsten Scheiteln am Hinterkopf und wunderschön, lang herabhängenden Backenbärten…" Ebenfalls im lichtscheuen, ja schon kriminellen Milieu finden wir die Kamelie bei Honoré de Balzac. In "Die Frau von dreißig Jahren" findet der Marquis d'Aiglemont unter Deck des Seeräuberschiffes Othello, seine einst mit einem Mörder, dem Kapitän des Kaperschiffes, entflohene Tochter in orientalischen Gewändern in einem prachtvollen Reich: "… ihre vier Kinder zu ihren Füßen… erbauten fremdartige Schlösser aus Juwelen und Perlenhalsbändern. Zwischen Jasmin aus Mexico und Kamelien schaukelten sich kleine gezähmte exotische Vögel und schienen lebendige Rubine und Saphire zu sein…". Die herrliche Kühle weißer Kamelien spürt in Rainer Maria Rilkes "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" der Held, als er fiebernd sich die Blumen aus dem Ballschmuck seiner Mutter auf die Augen legt. Dieser aus dem Wechselspiel natürlicher Gegebenheiten und der Phantasie der Poeten entstandene Ruf hat bis heute nichts von seiner geheimnisvollen Anziehungskraft verloren. Kaum ein bekannter Dichter des 19. und frühen 20. Jahrhunderts ließ die Kamelie unerwähnt: Der weiße Wal Moby Dick in Herman Melvilles Roman ist so weiß wie die Kamelie. Hermann Hesse schildert in seiner Erzählung "Klage um einen alten Baum" wie der Garten vor seinen Haus im Tessin brennend rot von der Kamelienblüte wird. In Adalbert Stifters 1853 erschienenem Roman "Der Nachsommer" wird die uns bis heute streitbare Frage, ob Rose oder Kamelie die Schönere ist, gestellt. Als sich Pinocchio wegen seiner Faulheit in der Schule zum Esel wandelte, steckten bei seinem ersten Auftritt im Zirkus zwei weiße Kamelien hinter den Ohren. Und nicht zuletzt, war das Aufblühen einer Kamelie neben seinen "zwei Katerchen" für Victor Klemperer eine Freude in einer Zeit "maßloser Tyrannei und Lüge" (Tagebuch Februar 1934). Die Lyrikerin der Romantik, Anette von Droste-Hülshoff, beginnt ein Kameliengedicht mit den Zeilen: "Gar weite Wege hast du gemacht, Kamelia staubige Schöne… So lässt sich ein Beispiel zum anderen fügen. Doch geht es um Literatur, wird schnell gefragt: "Was sagte eigentlich Goethe?" Belegt sind mindestens vier freundschaftliche Begegnungen des Dichterfürsten beim chursächsischen Hofgärtner Johann Heinrich Seidel, die der Erforschung der "Metamorphose der Pflanzen" dienten. Auch wissen wir aus kurzen Tagebucheintragungen, dass er durchaus am Wirken des Hofgärtner-Sohnes Jacob Friedrich Seidel, des "Kamelienseidel", Anteil nahm. Vermutlich auf sein Betreiben hin besichtigte Goethes Dienstherr, Großherzog von Sachsen-Weimar, Carl August, 1827 Seidels Kamelien in Dresden und berichtete dann seinen Weimarer Gärtnern in der Orangerie Belvedere von einem Wald von Kamelien, den er dort gesehen hätte. Aus Belvedere vermeldete im Februar 1818 Carl August an den in Jena weilenden Goethe, dass Kamelien blühen. Anfang April teilt er dem Dichter seine Beobachtung mit, dass auch gefüllte Kamelien Samen tragen. Daraufhin antwortet Goethe sogleich am 3. April des gleichen Jahres: "Es wird von großer Bedeutung seyn, wenn jene Camelia reifen Samen tragen sollte. Ich habe das Innere der sehr schönen Krone genau untersucht,…" Es ist also mehr das naturwissenschaftliche als das dichterische Interesse, welches den Geheimrat umtreibt. Stoff für eine interessante Ausstellungsszene für unsere Gäste bietet dies allemal. |
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